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Andacht am 16. Donnerstag nach Trinitatis (11.9.2008)

Die Tageslosung steht in 2. Mose 32, 31.32:

"Sie haben sich einen Gott von Gold gemacht. Vergib ihnen doch ihre Sünde!"

Sie ist aus der Geschichte des Goldenen Kalbes entnommen.

Auslegung

Wer die Losung liest, könnte meinen: Gott ist bestimmt gnädig, hält doch kein geringerer als Mose Fürbitte. Dem ist aber nicht so! Der letzte Vers dieses Kapitels berichtet lapidar, dass Gott das Volk mit Unheil schlug. Das ist das Schwierige und Problematische mit den Losungen: Man muss stets den Kontext beachten, aus dem heraus sie erlost worden sind.

Die Anbetung des Goldenen Kalbes (Nicolas Poussin)
Die Anbetung des Goldenen Kalbes
(Nicolas Poussin)
Quelle: Wikipedia

Betrachten wir diesen Kontext genauer, finden wir eine sehr vielschichtige Geschichte vor: Während Mose auf dem Berge Sinai das Gesetz empfängt und niederschreibt, gerät das Volk unten außer Rand und Band. Ihm fehlt die Leitfigur, und so stiften sie Aaron, den großen Hohepriester des Judentums, an, ein Standbild zu bauen. Dieser lässt sich darauf ein.
Währenddessen wird Mose auf dem Berg von den Vorgängen unterrichtet; Gott selbst berichtet davon. Mose hält darauf Fürbitte für das Volk.
Weiterlesend im Text, erfährt man, wie Mose vom Berg absteigt und, scheinbar ahnungslos, das Treiben am Standbild erblicken muss. Nachdem er Aaron zur Rede gestellt hat, veranlasst Mose etwas Furchtbares: Mit Hilfe der Leviten, einer Art von Tempelsoldaten, richtet er unter dem Volk Israel ein Massaker an, bei dem Tausende ums Leben kommen. Bedenke, dass Mose doch noch vorher Fürbitte gehalten haben soll!
Und dann, so als wäre nichts geschehen, kommt wieder ein Abschnitt, der Abschnitt mit unserer Losung, in dem Mose für das Gottesvolk wieder um Gnade bittet – mit dem schon erwähnten trostlosen Resultat.

Wir müssen uns bewusst sein, dass hinter der Geschichte vom Bundesbruch am Sinai eine komplexe und vielschichtige Überlieferungsgeschichte steht.

Uwe Heiland


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